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Emmental

Von Rüderswil nach Solothurn, ohne Auto

Kann man vom Dorfzentrum in Rüderswil ohne Auto in die Ambassadorenstadt pendeln? Hier die Antwort vorweg: Ja, man kann! Aber eine gehörige Portion Geduld sollte im Reisegepäck dabei sein!

Rüderswil ist nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen, aber es gibt den Bürgerbus, der Reisende zwischen Zollbrück, Rüderswil, Schwanden und Lützelflüh befördert. Dies allerdings nicht den ganzen Tag. Und auch am Wochenende bleibt der Bus im Depot. Da ich während zwei Tagen kein Auto hatte, wollte ich genau wissen, wie lange der Weg nach Solothurn dauert und wartete an einem verschneiten Wintermorgen vor der Kirche erwartungsvoll auf den Bürgerbus.

Kartenausschnitt
Anzeige der Route (Screenshot Google Maps)

Dieser kommt mit einer kleinen Verspätung. Die Strasse über das Emmenknie sei verschneit, sagt der Chauffeur, deshalb fahre er zur Sicherheit etwas langsamer. Dann geht die Fahrt los, zuerst zum Gemeindehaus, dann über über die besagte Anhöhe nach Schwanden und zuletzt in den tief verschneiten Nesselgraben. Hier steigen – ohne viel Worte zu machen – einige Schüler ein, auch sie sind unterwegs in Richtung Burgdorf. Es ist mittlerweile schon fast halb Acht und das erste Dämmerlicht des jungen Tages wandert über die Hügel, auf denen frischer Schnee liegt. Es ist ein besonderer Anblick; gerade so, als ob alles verzaubert ist, als ob hier ein Ort ist, wo sich Fabelwesen und Menschen zusammen auf den neuen Tag freuen.

Jetzt fährt der Bus zügig durch Goldbach, dem Bahnhof in Lützelflüh entgegen, denn der Anschlusszug, der um 7:32 Uhr fährt, soll noch erreicht werden. Dies gelingt trotz der Verspätung ohne Probleme und wir können ohne Hast einsteigen, der Pendelwagen der BLS ist soeben im Dorf angekommen. So geht es weiter talabwärts, nach Hasle, Oberburg und Burgdorf, wo wir um 7:45 Uhr eintreffen. Mittlerweile ist es hell geworden. Und der Morgen schreitet in hastigem Tempo voran, alle wollen jetzt rasch zur Arbeit oder zur Schule! Für mich heisst es jetzt erst einmal: warten! Die S44 nach Solothurn fährt nämlich erst um 8:15 Uhr, fast eine halbe Stunde später! Die erste Kaffeepause ist angesagt. Und dann, endlich, der letzte Zug in das breite Aaretal nach Solothurn. Bevor Sie nach Utzenstorf kommen, vergessen Sie nicht, aus dem Fenster zu schauen. Und geniessen Sie den Blick auf die weite Ebene, die sich nun nach beiden Seite der Zugstrecke öffnet.

Doch dies ist nicht das letzte Stück Wegstrecke, weil ich in der Solothurner Weststadt arbeite, die zu Fuss in ca. 20 Minuten zu erreichen ist. Es fährt zwar ein Stadtbus, doch abermals passt der Anschluss nicht! Die Lösung besteht darin, in einen Bus zu steigen, der bis zum Postplatz fährt. Und nun sind es nur noch zehn Fussminuten bis zum Gewerbezentrum Obach! Hier kommen ich um 8:55 Uhr an.

Die Fahrt Rüderswil Dorf nach Solothurn West dauert also eine Stunde und 45 Minuten, wobei 30 Minuten reine Wartezeit sind. Während der Reise muss dreimal umgestiegen werden, zweimal davon gibt es keinen Anschlusszug, resp. Bus. Hier zum Vergleich die Fahrtzeit mit dem PW: 45 Minuten! Meiner Meinung nach ist die ÖV-Variante für einen Pendler nicht praktikabel. Denn obwohl im Zug gemütlich ein schönes Buch gelesen werden kann: Es geht zuviel Zeit verloren, die dann am Abend fehlt. Die Alternative geht so: Mti dem PW nach Hasle-Rüegsau, dann auf den Zug umsteigen. Reisezeit gesamt: 80 Minuten.

Diese Erfahrung wird mich indes nicht davon abhalten, hin und und wieder am Morgen auf den Bürgerbus zu warten. Aus reiner Sympathie zu diesem wirklich guten Projekt!

Ein Verkehrskreisel, der das Auge erfreut

Seit wenigen Tagen steht auf dem Verkehrskreisel beim Dorfeingang Zollbrück das Modell einer Holzbrücke. Im Ort ist man sich über den neu gestalteten Kreisel einig: Er sieht grossartig aus!

Wer von Burgdorf her auf der Hauptstrasse nach Zollbrück fährt, wird seit seit kurzem am Dorfeingang von einem einzigartigen Blickfang begrüsst: Mitten auf dem Verkehrskreisel bei der Landi steht das schmucke Modell einer alten Holzbrücke. Sie erinnert an die Holzbrücke, die dem Dorf den Namen gab und in der Nacht vom 1. August 1947 niederbrannte. Der Brückenkreisel entstand auf Initiative der Gemeinde Rüderswil, für die Umsetzung wurden Unternehmen aus der Region berücksichtigt. Beflanzt wurde der Kreisel vom Landschaftsgärtner Elias Finkam, die Hirsbrunner Holzbau AG baute die Brücke. An der Realisierung beteiligt war ferner Hans Muralt mit Unterstützung der Krähenbühl AG.

Blick auf den neu gestalteten Kreisel in Zollbrück

Den Naturgewalten zum Opfer gefallen
Blicken wir in die Vergangeheit. Das Emmentaler Dorf ist untrennbar mit den alten Zollbrücken verbunden, die erste entstand im Jahr 1552, es war eine Jochbrücke die schräg über die Emme gebaut wurde und auf vier Pfeilern stand. Zollbrücke wurde sie genannt, weil für die Benutzung der Brücke eine Gebühr zu entrichten war. Alte Zolltafeln verraten, wie hoch die Preise waren: Einzelpersonen bezahlten einen Pfennig; tiefer in die Tasche greifen musste ein Reiter, zwei Pfennige verlangte der Zöllner von ihm! Was geschah mit diesem Geld? Die eine Hälfte musste an die Stadt Bern abgeliefert werden. Den Rest behielten die Brückenbaugemeinden, sie verwendeten das Geld für den unterhalt und entlöhnten den Zöllner. Apropos, ab 1565 durfte dieser auch wirten! Wie die ersten Brücke genau ausgesehen hat, wissen wir leider nicht; gewiss ist nur, dass sie im Jahr 1837 bei der grossen Wassernot zerstört wurde.

1839 wurde eine neue Holzbrücke fertiggestellt, sie entstand nach den Plänen von Johann Rudolf Gatschet, eines Ingenieurs und Offiziers, der später Genie-Chef der eidgenössischen Truppen wurde und sich am Sonderbundskrieg beteiligte. Vieles war neu an dieser Bogenbrücke, sie benötigte keine Joche mehr und bot damit weniger Angriffsfläche für die Wassermassen Emme.

Niemand weiss, wer das Feuer gelegt hat
«Mit der vom Feuer verzehrten Zollbrücke bei Lauperswil ist nicht allein ein treffliches Beispiel alter Zimmermannskunst, sondern auch ein Wahrzeichen gutschweizerischer Eigenart vernichtet worden.» So berichtete der «Bund» vom Brand der Brücke im August 1947. Aus bis heute ungeklärten Gründen brannte sie vollständig nieder. Nur noch Reste der gemauerten Sockel sind am Emmeufer neben der neuen Brücke zu erkennen. Diese neue Brücke ist ein reiner Zweckbau, eine Betonbrücke mit Fussweg, auf dem Passanten gerne stehen bleiben, um sich an der malerischen Emmelandschaft zu erfreuen.

Buchempfehlung: Hanspeter Buholzer und Daniel Fuchs (Bilder): «Holzbrücken im Emmental» (214 Seiten, ISBN 978-3-905980-30-1). Das Buch kostet 48 Franken und ist im Buchhandel, im Regionalmuseum Langnau oder online unterwww.holzbrueckenimemmental.ch erhältlich.

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Als die Strickerinnen unruhig wurden

Ein neues Buch von Therese Lüthi erzählt von den Strickerinnen in Eriswil, die unermüdlich arbeiteten, um die Not während den Kriegsjahren 1939-1945 etwas zu lindern. Und für ihren Fleiss und ihre Ausdauer nichts anderes erhielten als Hungerlöhne.

Die Unruhe der Strickerinnen

Lüthi, Therese: Die Unruhe der Strickerinnen

Die Ereignisse, die in diesem Buch sorgfältig dokumentiert werden, liegen erst 75 Jahre in der Vergangenheit. Und doch klingen sie für den Leser der Gegenwart unglaublich! Natürlich darf nicht vergessen werden, dass zu dieser Zeit der schlimmste Krieg wütete, den die Menschheit jemals erlebt hat. Es waren für alle Beteiligten Jahre der Entbehrung und der bleiernen Ungewissheit über die weiteren Geschehnisse! Die Geschichte, die von der Autorin aus Lützelflüh spannend erzählt wird, handelt im malerischen Emmentaler Dorf Eriswil. Auch dort litten die Menschen Not! Viele Frauen griffen deshalb zu Nadel und Wollknäuel und strickten. Im Dorf selbst lebte ein Fabrikant, der die benötigte Wolle zur Verfügung stellte und die fleissigen Frauen für ihre Strickarbeiten entlöhnte. Mit dem Geld konnten die Strickerinnen Brot und Milch kaufen, um die Not etwas zu lindern.

Nur: Die Entlöhnung war so mager, dass eine Strickerin mehrere Stunden arbeiten musste, um sich vom Erlös ein Kilogramm Brot kaufen zu können. Das war ein klarer Missbrauch, denn bereits 1940 erliess der Bundesrat ein Gesetz, das eine faire Entlöhnung für Heimarbeiter forderte. Das Gesetz fand aber wenig Beachtung, vielerorts wusste man davon schlicht nichts! Und die Unternehmer zahlten in Eriswil weiterhin Hungerlöhne! Was das bedeuten konnte, schildert Therese Lüthi, wenn sie dem dem Leser den Blick in eine einfache Bauernstube gewährt, wo gerade das Abendessen aufgetischt wird. Sieben Familienmitglieder sitzen am Tisch, vier Kinder und drei Erwaschsene. Zu essen gibt es vier geschwellte Kartoffeln, etwas Ziegenmilch, und einen kleinen Rest hartes Brot. Alle verlassen den Tisch hungrig.

Das Blatt wendete sich erst, als ein Journalist von den tiefen Löhnen erfuhr. Nun wurden die Eriswilerinnen bei einer Versammlung im Gasthof Bären über ihre Rechte informiert. Der «Fall Eriswil» zog immer weitere Kreise, die Mitglieder eines Untersuchungsausschusses und Gewerkschafter gelangten zuletzt sogar an den Bundesrat. Und dieser reagierte rasch, indem er eine Verordnung erliess, die einen Mindestlohn von 50 Rappen für Heimstrickerinnen forderte. Am ersten Dezember 1943 trat die Verordnung in Kraft.

Geschichtsbücher wie «Die Unruhe der Strickerinnen» dürfte es gerne mehr geben! Der Verfasserin ist es gelungen, ein historisches Ereignis bildhaft und unterhaltsam zu erzählen, sorgfältig recherchiert und mit Zeitungsberichten aus den Jahren 1943 und 1944 belegt. Es ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt, auch über die Gegenwart.

Zusammenrücken und höher bauen

An einer Informationsveranstaltung wurde über die neue Ortsplanungsrevision informiert. Im Zentrum des Interesses steht ein verdichtetes Bauen, vorwiegend im Ortsteil Zollbrück.

Am vergangenen Donnerstag fand in der Aula der Sekundarschule Zollbrück ein Mitwirkungsanlass zur Ortsplanungsrevision statt. 15 Besucherinnen und Besucher nahmen an der Veranstaltung teil, Gemeindepräsident Roland Rothenbühler hätte sich eine grössere Beteiligung gewünscht, wie er auf Anfrage sagte. Dennoch wurde lebhaft diskutiert. Nach dem Projektbeschrieb durch Franziska Rösti stellten Teilnehmer gezielte Fragen zur Einzonung privater Grundstücke. Konkret sieht die Revision eine Siedlungsentwicklung nach innen vor, erreicht werden kann dies unter anderem durch die Reduktion der Grenzabstände und Anpassung der zulässigen Gebäudehöhe. Betroffen von dieser Neuerung ist vorwiegend der Ortsteil Zollbrück. In den Dorfteilen Ranflüh, Rüderswil und Schwanden ist die Erhaltung des ländlichen Charakters geplant. Weitere Ziele der Revision sind die Anpassung an neue rechtliche Bestimmungen und ein moderates Wachstum der Gemeinde. Interessant ist die Revision ferner für die Bewohner der Dorfweiler. Diese sollen in neue Weilerzonen eingeteilt werden, was eine einfachere Umnutzung ermöglicht.

Mitwirkung bis am 15. November möglich
Die letzte Revision der Ortsplanung fand im Jahr 2003 statt, gemäss den Unterlagen des Gemeinderates haben sich die Anforderungen an die Raumplanung markant verändert. 2016 beschloss die Exekutive eine neue Revision und setzte eine Arbeitsgruppe ein. Die öffentliche Mitwirkung endet am 15. November, bis dahin können die Unterlagen bei der Gemeindeverwaltung eingesehen werden. Es ist auch möglich, alle Dokumente von der Homepage der Gemeinde herunterzuladen. Die weiteren Meilensteine des Projektes sind die kantonale Vorprüfung, die für die Monate Februar bis Juni 2019 vorgesehen ist. Für die Herbstmonate 2019 ist die öffentliche Auflage geplant, bei der auch über Einsprachen verhandelt werden kann.

Weitere Infos: www.ruederswil.ch

Wenn Märit isch, gseh mir üs wider

Modell der Kramlaube im Regionalmuseum ChüechlihusModell der Langnauer Kramlaube im Regionalmuseum Chüechlihus

Im Jahre 2019 würde die Langnauer Kramlaube 500 Jahr alt werden. Die Jahrzahl «1519» wurde von einem Zimmermann gut sichtbar in einen Rähmbalken eingeschnitzt. Ich wollte eine Geschichte schreiben, bei der die alte Markthalle eine Rolle spielt. Und zurzeit sind Mordsgeschichten beliebt. Aber dieses Genre behagt mir nicht, also habe ich eine kleine Liebesgeschichte geschrieben, von Resli und Änneli, die sich bei der Merktlaube kennengelernt haben. Im Jahr 1824. Wenn Ihnen die Kurzgeschichte gefällt, dann freut mich das sehr.

Die Geschichte ist für einen Blog Beitrag zu lang geraten. Sie kann deshalb als PDF Dokument heruntergeladen und angezeigt werden:

Wenn Märit isch, gseh mir üs wider

Kartoffelernte 2018

Charlotte Kartoffeln

Wir freuen uns auf eine schöne Kartoffelernte, trotz des trockenen Sommers sind alle Sorten reichlich gewachsen und weisen keinerlei Schäden auf. Das Bild zeigt ein paar Charlotte Kartoffeln. Gepflanzte Sorten in diesem Jahr: Rote Emalie, Blaue St. Galler (beide Pro Specia Rara), Agata und Charlotte.

«Da nützt alles zähmen nichts!»

Interview mit Kater Köbi

Kater Köbi

Köbi, welches ist Deine Lieblingsbeschäftigung?
Mäuse jagen natürlich. Hin und wieder erwische ich auch eine Amsel.

Die armen Tiere!
Katzen sind Jäger, Ihr Menschen vergesst das immer mal wieder. Da nützt auch alles Zähmen nichts! Wir bleiben das, was wir sind und immer waren.

…Aber Du bekommst doch Futter?
Das ist nicht dasselbe. Das Futter, das mir vorgesetzt wird, ist zwar nahrhaft, ansonsten aber eine langweilige Angelegenheit, weil es nicht davonrennt.

Woher kommst Du?
Aus einer alten Bauernkatzenfamilie in Trub. Wir legen Wert auf Unabhängigkeit.

Stimmt es, dass Katzen sieben Leben haben?
Das stimmt. Ihr solltet aber stets annehmen, dass wir uns gerade im letzten Leben befinden.

Hast Du noch andere Namen?
Hier liegt ein Missverständnis vor, wir Katzen finden es eher peinlich, wenn ihr uns Namen gebt. Ich reagiere nicht auf den Namen, sondern auf Gesten und auf die menschliche Stimmlage. Lärm und hastiges Verhalten mag ich übrigens gar nicht.

Und was machst Du nach diesem Interview als nächstes?
Das musst Du schon selbst herausfinden, Du kannst ja versuchen, mir zu folgen.

Berner Bauernhäuser einst und jetzt

Ich kann mich noch gut an das alte Hochstudhaus mit den kleinen Fenstern und der niedrigen Türe erinnern, das in unserem Dorf stand. Bewohnt wurde es von Gastarbeitern aus Süditalien, denen wir gerne Gesellschaft leisteten, weil sie viel Interessantes aus ihrer sonnigen Heimat am Mittelmeer zu erzählen wussten. Während der kalten Jahreszeit stand das Haus mit dem fast bis zum Boden reichenden Dach leer. Und wenn es im Frühjahr wieder bewohnt und belebt war, durften wir die ungenutzten Räume, den Keller, die Futtertenne und den grossen Heuboden unter dem Dach erkunden. Wir staunten über die engen Kammern mit tief liegender Diele, in unserem modernen Einfamilienhaus war ja alles ganz anders! Und wir gingen immer wieder gerne hin, denn das alte Haus übte eine geheimnissvolle Faszination auf uns aus. Wir liessen unserer Fantasie freien Lauf und rätselten darüber, was sich hier wohl schon alles zugetragen haben könnte. Und, das ist ein Eindruck der mir bis heute geblieben ist, wir fühlten uns wohl und geborgen hinter diesen alten Holzwänden, das mächtige Vollwalmdach breitete sich wie ein Schild schützend über uns aus.

Ein altes Haus verschwindet
Wie alt mag das Haus gewesen sein? Ich weiss es nicht mehr, denn der Hochstudbau wurde irgendwann abgerissen! Genau so wie einige weitere Hochstudhäuser in der Umgebung. Die Bausubstanz ermögliche es nicht, das Gebäude zu erhalten, hiess es zumeist, in trockenem Beamtenperfekt formuliert. Geblieben ist uns aber die Erinnerung. Und ein Gedanke von Seneca: Sei nicht traurig über das, was du verloren hast, freue dich über die Zeit, die du gehabt hast. Und über das, was dir geblieben ist. Oder von Epiktet: Sage nicht, dass Du es verloren hast, sag vielmehr: Ich habe es zurückgegeben.

Berner BauernhäuserFlückiger-Seiler, Roland: Berner Bauernhäuser

Bauernhaus, Spycher, Stöckli
Viele und gut strukturierte Informationen über Bauernhäuser im Kanton Bern gibt ein Buch aus dem Jahr 1988 von Roland Flückiger-Seiler. Das reich bebilderte Werk ist leider vergriffen. Das Exemplar, das hier auf dem Tisch liegt, stammt aus der Regionalbibliothek. Nach einem Überblick der verschiedenen Regionen des Kantons und der damit verbundenen architektonischen Eigenheiten geht der Verfasser auf die unterschiedlichen Haustypen und auf deren geschichtliche Entwicklung ein. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass die markanten Steildacher erst ab dem späten 17. Jahrhundert kontinuierlich entstanden. Sie lösten die ursprünglich schwach geneigten Satteldächer ab, so wie sie bis heute im Berner Oberland anzutreffen sind. Charakteristisch für das Berner Bauernhaus ist das Dreiviertel-Walmdach mit Gehrschild; dem dreiecksförmigen Teilwalm an der Giebel- oder Schmalseite des Daches. Sehr schön dokumentiert der Band die verschiedenen Gebäude, die zu einem Bauernhof gehören. Da ist natürlich der Speicher («Spycher») zu nennen, der so angeordnet ist, dass er vom Wohnteil des Bauernhauses aus immer zu sehen ist. Aber dennoch im Falle eines Brandes genügend Abstand zum Hauptgebäude der Bauernsiedlung hat. Der Verlust des Spychers war verhängnisvoll, denn in diesem einbruchssicheren Gebäude befanden sich neben dem Getreide und den Wertsachen meist auch Urkunden und andere wichtige schriftliche Unterlagen.

Im Stöckli wurde gewohnt – und gearbeitet
Natürlich darf ein weiterer wichtiger Nebenbau nicht fehlen, gemeint ist das Stöckli, das als Baugattung eine typisch bernische Erscheinung sei, so dass dafür nur ein berndeutscher Ausdruck existiere, so Flückiger-Seiler. Es ist vielleicht das vielseitigste Gebäude der Siedlung, seine Geschichte beginnt mit dem alten Küherstöckli und endet im Hier und Jetzt, denn der Stöcklistil ist weit über das Bernbiet hinaus ein beliebter Haustyp geworden. Vielseitig auch deshalb, weil das Stöckli nicht nur als Wohnung diente, in ihm waren auch Werkstätten, weniger oft auch Käsereien untergebracht. Wie das Bauernhaus ist das Stöckli oft ein Ständer- oder Riegbau, so dass es sich harmonisch in die Häusergruppe einfügt. Auch dekorative Elemente wie die Ründi oder verzierte Lauben fehlen nicht.

Ornamentlos? Früher nicht!
Apropos Verzierungen: Unlängst hat ein Spezialist erklärt, dass wir in bezug auf die Architektur in einer ornamentlosen Zeit leben. Recht hat er! Wer’s nicht glaubt, gehe durch ein Wohnquartier mit Einfamilienhäuser, die nicht älter als 50 Jahre sind. Und sehe sich um!
Das war früher ganz anders, denn Verzierungen und dekorative Elemente bezeugten den Wohlstand und damit verbunden auch den sozialen Stand des Besitzers. Im Buch «Berner Bauernhäuser» sind zahlreiche Beispiele abgebildet und detailliert beschrieben. Und so staunt der Betrachter, wenn er vor dem Haus eines habligen Bauern aus dem späten 18. Jahrhundert steht: Farbige Fassaden, verzierte Büge und Balken, bunte Malereien an der Ründi und vieles mehr. Eine Augenweide bei vielen alten Häusern ist immer wieder die Unterseite der Ründi, die gerne als Himmel mit Sonne, Mond und Sternenmeer verschönert wurde.

Auf der Suche nach einer neuen Heimat

Was hat Menschen früher dazu getrieben, ihre Heimat zu verlassen und ihr Glück in der Fremde zu suchen? Mit einem fesselnden Vortrag gab Hans Minder detaillierte Antworten auf diese Frage.

Wer zurzeit eine Zeitung aufschlägt, kann regelmässig Berichte von der Zuwanderung in die Schweiz lesen. Gerne wird dabei vergessen, dass unsere Nation früher auch ein Auswanderungsland war. Von Aus- und Einwanderern früherer Zeiten berichtete am vergangene Mittwoch der Historiker Hans Minder in der Kirche in Biglen. Sein spannender Vortrag, den er in wie von ihm gewohnt bildhafter Sprache hielt, war ein Beitrag zum Zyklus «Heimatland! ‒ Hiesigs u Frömds». Organisiert werden die Vorträge zur Erwachsenenbildung von den Kirchgemeinden Biglen, Schlosswil-Oberhünigen und Walkringen.

Reformation richtete Zäune auf…
«Heimat, wie war das damals?», fragte Hans Minder zu Beginn und nahm die Zuhörer mit auf eine Zeitreise in die vorreformatorische Epoche. Man könne davon ausgehen, dass es im Mittelalter mehr Wanderbewegungen gegeben habe als heute, erklärte der Historiker, «von Russland bis Südspanien gab es eine Gelehrtensprache, das war lateinisch. Und an der Basler Universität lernten Studenten aus Saragossa und Riga». Doch dann sei die Reformation gekommen und habe Zäune aufgerichtet, «plötzlich konnte ein reformierter Emmentaler keine katholische Luzernerin mehr heiraten», fuhr Hans Minder fort. In dieser Zeit seien die Heimatorte entstanden, «ein Privileg, das es nur in der Schweiz und in Liechtenstein gibt». Grund für den amtlichen Bürgerort seien die Armen gewesen, die so in ihre Heimatkantone und zuletzt in die Gemeinden abgeschoben werden konnten.

…und bot Verfolgten Zuflucht
Hans Minder beleuchtete in der Folge verschiedene historische Einwanderungsbewegungen, etwa während der Gegenreformation: Reformierte Walliser oder Luzerner, die in ihrer katholischen Heimat unerwünscht waren, fanden im Kanton Bern Aufnahme. Und als der französische Sonnenkönig Ludwig XIV die Reformation verbot, immigrierten verfolgte Franzosen in den Jura und ins Waadtland. Unter ihnen waren die besten Uhrmacher der damaligen Zeit. «Es muss uns deshalb nicht erstaunen, dass eine bekannte Schweizer Uhrenmarke Huguenot heisst», resümierte Hans Minder! Viele Franzosen seien auch nach Brandenburg geflohen, der französische Einfluss sei bis heute erkennbar, zum Beispiel durch die Familiennamen de Maizière und Lafontaine.

Der Bauernhof ging an den Jüngsten
Auch Armut und Not zwang Menschen, die Schweiz zu verlassen. Hans Minder erwähnte in diesem Zusammenhang das Emmentaler Minorat Erbrecht, bei dem das Bauerngut ungeteilt an den jüngsten Sohn überging, die Geschwister hatten das Nachsehen, «ihnen blieb nur das Recht, unverheiratet als Magd oder Knecht auf dem Hof zu arbeiten», erläuterte Hans Minder, doch viele hätten einen andere Weg gewählt und ihr Glück woanders gesucht. Dies habe dazu geführt, dass Emmentaler als tüchtige Sennen und Küher in den umliegenden Regionen bekannt wurden.

Die Heimat für immer verlassen
Auf die Frage, was ihn beim Nachforschen besonders betroffen habe, erwähnte Hans Minder einen Aktenfund in Trachselwald. «Die Durchsicht der alten Dokumente macht eines deutlich: Es gab Zeiten, da ging es den Menschen hier sehr schlecht, die Armut muss katastrophal gewesen sein.» Die Ausführungen des Lauperswiler Geschichtsforschers liessen erahnen, wie es den Menschen zumute gewesen sein muss, die sich auf den Weg machten. Und wussten, dass sie ihre vertraute Umgebung und Heimat wohl nie wieder sehen werden.