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Emmental

Berner Bauernhäuser einst und jetzt

Ich kann mich noch gut an das alte Hochstudhaus mit den kleinen Fenstern und der niedrigen Türe erinnern, das in unserem Dorf stand. Bewohnt wurde es von Gastarbeitern aus Süditalien, denen wir gerne Gesellschaft leisteten, weil sie viel Interessantes aus ihrer sonnigen Heimat am Mittelmeer zu erzählen wussten. Während der kalten Jahreszeit stand das Haus mit dem fast bis zum Boden reichenden Dach leer. Und wenn es im Frühjahr wieder bewohnt und belebt war, durften wir die ungenutzten Räume, den Keller, die Futtertenne und den grossen Heuboden unter dem Dach erkunden. Wir staunten über die engen Kammern mit tief liegender Diele, in unserem modernen Einfamilienhaus war ja alles ganz anders! Und wir gingen immer wieder gerne hin, denn das alte Haus übte eine geheimnissvolle Faszination auf uns aus. Wir liessen unserer Fantasie freien Lauf und rätselten darüber, was sich hier wohl schon alles zugetragen haben könnte. Und, das ist ein Eindruck der mir bis heute geblieben ist, wir fühlten uns wohl und geborgen hinter diesen alten Holzwänden, das mächtige Vollwalmdach breitete sich wie ein Schild schützend über uns aus.

Ein altes Haus verschwindet
Wie alt mag das Haus gewesen sein? Ich weiss es nicht mehr, denn der Hochstudbau wurde irgendwann abgerissen! Genau so wie einige weitere Hochstudhäuser in der Umgebung. Die Bausubstanz ermögliche es nicht, das Gebäude zu erhalten, hiess es zumeist, in trockenem Beamtenperfekt formuliert. Geblieben ist uns aber die Erinnerung. Und ein Gedanke von Seneca: Sei nicht traurig über das, was du verloren hast, freue dich über die Zeit, die du gehabt hast. Und über das, was dir geblieben ist. Oder von Epiktet: Sage nicht, dass Du es verloren hast, sag vielmehr: Ich habe es zurückgegeben.

Berner BauernhäuserFlückiger-Seiler, Roland: Berner Bauernhäuser

Bauernhaus, Spycher, Stöckli
Viele und gut strukturierte Informationen über Bauernhäuser im Kanton Bern gibt ein Buch aus dem Jahr 1988 von Roland Flückiger-Seiler. Das reich bebilderte Werk ist leider vergriffen. Das Exemplar, das hier auf dem Tisch liegt, stammt aus der Regionalbibliothek. Nach einem Überblick der verschiedenen Regionen des Kantons und der damit verbundenen architektonischen Eigenheiten geht der Verfasser auf die unterschiedlichen Haustypen und auf deren geschichtliche Entwicklung ein. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass die markanten Steildacher erst ab dem späten 17. Jahrhundert kontinuierlich entstanden. Sie lösten die ursprünglich schwach geneigten Satteldächer ab, so wie sie bis heute im Berner Oberland anzutreffen sind. Charakteristisch für das Berner Bauernhaus ist das Dreiviertel-Walmdach mit Gehrschild; dem dreiecksförmigen Teilwalm an der Giebel- oder Schmalseite des Daches. Sehr schön dokumentiert der Band die verschiedenen Gebäude, die zu einem Bauernhof gehören. Da ist natürlich der Speicher («Spycher») zu nennen, der so angeordnet ist, dass er vom Wohnteil des Bauernhauses aus immer zu sehen ist. Aber dennoch im Falle eines Brandes genügend Abstand zum Hauptgebäude der Bauernsiedlung hat. Der Verlust des Spychers war verhängnisvoll, denn in diesem einbruchssicheren Gebäude befanden sich neben dem Getreide und den Wertsachen meist auch Urkunden und andere wichtige schriftliche Unterlagen.

Im Stöckli wurde gewohnt – und gearbeitet
Natürlich darf ein weiterer wichtiger Nebenbau nicht fehlen, gemeint ist das Stöckli, das als Baugattung eine typisch bernische Erscheinung sei, so dass dafür nur ein berndeutscher Ausdruck existiere, so Flückiger-Seiler. Es ist vielleicht das vielseitigste Gebäude der Siedlung, seine Geschichte beginnt mit dem alten Küherstöckli und endet im Hier und Jetzt, denn der Stöcklistil ist weit über das Bernbiet hinaus ein beliebter Haustyp geworden. Vielseitig auch deshalb, weil das Stöckli nicht nur als Wohnung diente, in ihm waren auch Werkstätten, weniger oft auch Käsereien untergebracht. Wie das Bauernhaus ist das Stöckli oft ein Ständer- oder Riegbau, so dass es sich harmonisch in die Häusergruppe einfügt. Auch dekorative Elemente wie die Ründi oder verzierte Lauben fehlen nicht.

Ornamentlos? Früher nicht!
Apropos Verzierungen: Unlängst hat ein Spezialist erklärt, dass wir in bezug auf die Architektur in einer ornamentlosen Zeit leben. Recht hat er! Wer’s nicht glaubt, gehe durch ein Wohnquartier mit Einfamilienhäuser, die nicht älter als 50 Jahre sind. Und sehe sich um!
Das war früher ganz anders, denn Verzierungen und dekorative Elemente bezeugten den Wohlstand und damit verbunden auch den sozialen Stand des Besitzers. Im Buch «Berner Bauernhäuser» sind zahlreiche Beispiele abgebildet und detailliert beschrieben. Und so staunt der Betrachter, wenn er vor dem Haus eines habligen Bauern aus dem späten 18. Jahrhundert steht: Farbige Fassaden, verzierte Büge und Balken, bunte Malereien an der Ründi und vieles mehr. Eine Augenweide bei vielen alten Häusern ist immer wieder die Unterseite der Ründi, die gerne als Himmel mit Sonne, Mond und Sternenmeer verschönert wurde.

Auf der Suche nach einer neuen Heimat

Was hat Menschen früher dazu getrieben, ihre Heimat zu verlassen und ihr Glück in der Fremde zu suchen? Mit einem fesselnden Vortrag gab Hans Minder detaillierte Antworten auf diese Frage.

Wer zurzeit eine Zeitung aufschlägt, kann regelmässig Berichte von der Zuwanderung in die Schweiz lesen. Gerne wird dabei vergessen, dass unsere Nation früher auch ein Auswanderungsland war. Von Aus- und Einwanderern früherer Zeiten berichtete am vergangene Mittwoch der Historiker Hans Minder in der Kirche in Biglen. Sein spannender Vortrag, den er in wie von ihm gewohnt bildhafter Sprache hielt, war ein Beitrag zum Zyklus «Heimatland! ‒ Hiesigs u Frömds». Organisiert werden die Vorträge zur Erwachsenenbildung von den Kirchgemeinden Biglen, Schlosswil-Oberhünigen und Walkringen.

Reformation richtete Zäune auf…
«Heimat, wie war das damals?», fragte Hans Minder zu Beginn und nahm die Zuhörer mit auf eine Zeitreise in die vorreformatorische Epoche. Man könne davon ausgehen, dass es im Mittelalter mehr Wanderbewegungen gegeben habe als heute, erklärte der Historiker, «von Russland bis Südspanien gab es eine Gelehrtensprache, das war lateinisch. Und an der Basler Universität lernten Studenten aus Saragossa und Riga». Doch dann sei die Reformation gekommen und habe Zäune aufgerichtet, «plötzlich konnte ein reformierter Emmentaler keine katholische Luzernerin mehr heiraten», fuhr Hans Minder fort. In dieser Zeit seien die Heimatorte entstanden, «ein Privileg, das es nur in der Schweiz und in Liechtenstein gibt». Grund für den amtlichen Bürgerort seien die Armen gewesen, die so in ihre Heimatkantone und zuletzt in die Gemeinden abgeschoben werden konnten.

…und bot Verfolgten Zuflucht
Hans Minder beleuchtete in der Folge verschiedene historische Einwanderungsbewegungen, etwa während der Gegenreformation: Reformierte Walliser oder Luzerner, die in ihrer katholischen Heimat unerwünscht waren, fanden im Kanton Bern Aufnahme. Und als der französische Sonnenkönig Ludwig XIV die Reformation verbot, immigrierten verfolgte Franzosen in den Jura und ins Waadtland. Unter ihnen waren die besten Uhrmacher der damaligen Zeit. «Es muss uns deshalb nicht erstaunen, dass eine bekannte Schweizer Uhrenmarke Huguenot heisst», resümierte Hans Minder! Viele Franzosen seien auch nach Brandenburg geflohen, der französische Einfluss sei bis heute erkennbar, zum Beispiel durch die Familiennamen de Maizière und Lafontaine.

Der Bauernhof ging an den Jüngsten
Auch Armut und Not zwang Menschen, die Schweiz zu verlassen. Hans Minder erwähnte in diesem Zusammenhang das Emmentaler Minorat Erbrecht, bei dem das Bauerngut ungeteilt an den jüngsten Sohn überging, die Geschwister hatten das Nachsehen, «ihnen blieb nur das Recht, unverheiratet als Magd oder Knecht auf dem Hof zu arbeiten», erläuterte Hans Minder, doch viele hätten einen andere Weg gewählt und ihr Glück woanders gesucht. Dies habe dazu geführt, dass Emmentaler als tüchtige Sennen und Küher in den umliegenden Regionen bekannt wurden.

Die Heimat für immer verlassen
Auf die Frage, was ihn beim Nachforschen besonders betroffen habe, erwähnte Hans Minder einen Aktenfund in Trachselwald. «Die Durchsicht der alten Dokumente macht eines deutlich: Es gab Zeiten, da ging es den Menschen hier sehr schlecht, die Armut muss katastrophal gewesen sein.» Die Ausführungen des Lauperswiler Geschichtsforschers liessen erahnen, wie es den Menschen zumute gewesen sein muss, die sich auf den Weg machten. Und wussten, dass sie ihre vertraute Umgebung und Heimat wohl nie wieder sehen werden.

Rüderswil sagt Ja zum Bürgerbus!

Bürgerbus

Nun ist es definitiv: Der Rüderswiler Bürgerbus darf weiterfahren. Die Stimmberechtigten bewilligten die Einführung ab dem 1. August und die damit verbundenen wiederkehrenden Ausgaben von 180.000 Franken. Das Verdikt war mit 499 zu 236 Stimmen deutlich. Zur Volksbefragung kam es, weil ein Einwohner gegen den Entscheid zugunsten des Bürgerbusses an der Einwohnergemeindeversammlung Beschwerde einlegte. Der Gemeinderat entschloss sich darauf, die Stimmberechtigten an der Urne entscheiden zu lassen.

Es kam in der Folge zu einem Tauziehen zwischen dem Gemeinderat einerseits und einem Bürgerko­mi­tee Rüderswil/Zollbrück andererseits. Das Komitee verteilte Flyer in alle Haushalte und warb für die Einführung eines Schulbusses anstelle des Bürgerbusses. Der Gemeinderat nahm darauf Stellung und verteidigte das Bürgerbus-Projekt. Die Volksbefragung wurde zudem in den Medien thematisiert.

Das Dorf Rüderswil, das bisher nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden konnte, hat mit dem Bürgerbus Anschluss an Zollbrück und Lützelflüh. Von dort aus gibt es Bus- und Zugverbindungen in die umliegenden Orte und zu den nächsten grösseren Bahnhöfen. Der Bürgerbus wird zugleich als Schulbus genutzt. Weitere Informationen sind auf der Homepage der Gemeinde Rüderswil zu finden.

Reito und Ruodheri

Vor kurzem erschien auf diesem Blog ein Beitrag über ein Referat von Jonas Glanzmann. Er berichtete über die geschichtliche Entwicklung des Emmentals, über steinzeitliche Funde und über Burgen, die schon im siebten Jahrhundert entstanden sind. Natürlich darf man sich dabei nicht hochmittelalterliche, steinerne Bauwerke mit Zinnen, Türmen und wehenden Bannern vorstellen. Vielmehr haben wir es hier mir Erdburgen zu tun, auf denen hölzerne Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude standen. In
Rüderswil gibt es mindestens vier Burgstellen: Im Toggelbrunnen, auf dem südlich vom Dorfkern gelegenen Zwingherrenhoger und in Schwanden, wo die Überreste einer Erdburg westlich des Dorfkerns zu finden sind. Hinzu kommmt die im Jahr 2016 von Jonas Glanzmann entdeckte «Burg Knubel» im Feld unterhalb des Dorfes. Gemäss dem Geschichtsforscher dürfte sie bereits im siebten oder achten Jahrhundert entstanden sein, im Zuge der alamannischen Besiedlung also.

Beim Zwingherrenhoger RüderswilBeim Zwingherrenhoger in Rüderswil

Diese Entdeckung wirft ein neues Licht auf die Geschichte des Terassendorfes Rüderswil, die Oberemmentaler Gemeinde könnte älter sein als bisher angenommen. Und der Knubel wirft erneut die Frage auf, wann das Emmental besiedelt wurde. Auf der Homepage der Gemeinde Langnau ist eine Seite zur Geschichte der Region zu finden. Dieser zufolge gab es im Emmental keine voralamannische Siedlungsaktivitäten. Und ferner: «Bodenfunde aus früheren Epochen stammen wahrscheinlich von nomadisierenden Jägern». Wann aber genau kamen die Alamannen ins Emmental?

Jaggi, Arnold: Helvetier, Römer und Alamannen

Jaggi, Arnold: Helvetier, Römer, Alamannen

Eine Antwort auf diese Frage gibt – nebst zahlreichen anderen Quellen – ein hübsches Geschichtsbuch aus dem Jahr 1968. Es richtet sich an jugendliche Leser, was natürlich nicht heisst, dass auch Erwachsene es lesen dürfen! Verfasst hat das rund 230 Seiten starke Buch Arnold Jaggi, der Titel ist etwas lang geraten: «Helvetier, Römer, Alamannen und der Sieg des Christentums in unserem Lande». Das gebundene Werk ist mit 76 schönen Federzeichnungen von Mark Adrian illustriert. Wie es der Titel schon andeutet, handelt das Buch von der keltischen Bevölkerung in der Schweiz, von der (freundlich ausgedrückt) römischen Einflussnahme und von den Alamannen, einer vorwiegend im südlichen Deutschland ansässigen Volksgruppe, die in die Schweiz einwanderte. Im Buch sind Illustrationen zu finden, die einen guten Eindruck davon vermitteln, wie eine alamannische Siedlung im siebten Jahrhundert ausgesehen haben könnte.

Seien wir ehrlich: Beliebt waren die Alamannen in der Schweiz des dritten Jahrhunderts nicht! Denn sie zogen von Norden her kommend plündernd und brandschatzend durch Schweizer Städte und Dörfer! Nur mit Mühe konnten römische Truppen die aufmüpfigen Alamannenhorden wieder über die Alpen und dann über den Rhein zurück drängen! So herrschte relative Ruhe im Gebiet der heutigen Schweiz, da die Römer starke Grenzfestungen errichteten und die Aggressoren damit fernhielten – vorerst jedenfalls! Unruhig wurde es spätestens im frühen fünften Jahrhundert wieder, schuld daran waren diesmal die Westgoten, die nach Oberitalien eindrangen. Der erst 17 Jahre alte weströmische Kaiser Flavius Honorius benötigte dringend Truppen, um diesen Vormarsch zu stoppen. Also zog er Soldaten von der Grenzfestung im Norden Helvetiens ab. Und lud damit die Alamannen ein, in die Schweiz einzuwandern, was diese auch rasch und in grosser Zahl taten! Warum dieser Landhunger? Ganz einfach, auch die Alamannen wurden von germanischen Stämmen aus dem Norden bedrängt und das Schweizer Mittelland versprach ebenes und fruchtbares Land. Den Drang nach Süden in ein besseres Klima verspürten auch die Helvetier Jahrhunderte zuvor, als sie ihr angestammtes Wohngebiet in den Alpen verliessen und nach Süden zogen. Jeremias Gotthelf berichtet von so einem Zug im seiner Geschichte «Der Druide».

Münze mit Kaiser Flavius Honorius

Hatte keinen leichten Stand: Kaiser Honorius (Quelle: Wikipedia)

Arnold Jaggi berichtet bildhaft und spannend, was nach der Grenzöffnung geschah: «Sie wanderten nicht in Gruppen oder Haufen, wie es sich gerade traf, sondern die Verwandten zogen miteinander. Je sieben, acht oder zehn bis zwölf verwandte Familien bildeten eine Sippe.» Die ansässigen Helvetier und Römer mussten zusehen, wo sie bleiben, denn gemäss Arnold Jaggi waren die Alamannen nicht zimperlich: Sie vertrieben die Einheimischen oder versklavten sie; Dörfer und Höfe wurden wurden mit gut vorbereiteten Angriffen besetzt und niedergebrannt, das Land okkupiert. Und nun bauten die Alamannen ihre eigenen Dörfer, idealerweise dort, wo genügend Wasser zu finden war. Der Sippenführer rammte einfach als Zeichen der Besitznahme am gewählten Ort seinen Speer in den Boden. Eine frühmittelalterliche Grundbuchanpassung auf alamannisch! Das Buch vermittelt an dieser Stelle auch sehr schöne Schilderungen weiterer Bräuche unserer Altvorderen. So befand sich im grossen Wohnhaus bei der mittleren Firststütze ein Ehrenplatz, auf dem der Familienvater oder ein Gast thronte. Apropos Wohnhaus. Die Häuser waren mit weiten, bis fast zum Boden reichenden Walmdächern aus Stroh abgedeckt. Die Ähnlichkeit mit dem typischen Emmentaler Bauernhof ist unverkennbar! Das Buch enthält bei der Schilderung des alamannischen Dorflebens auch eine hübsche Anekdote. Sie erzählt vom Sippenältesten Reito, der sich mit einem Einheimischen anfreudete, dieser lehrte ihn vieles über die römische-helvetische Landwirtschaft.

Alamannisches DorfAlamannisches Dorf (Bildquelle: Arnold Jaggi, Mark Adrian)

Es folgt nun ein wichtiger Abschnitt, der den Kreis zum Beginn und zu den alamannischen Burgen im Emmental schliesst. Auf Seite 148 des Buchss steht, dass die Zahl der Alamannen in der Schweiz immer mehr zunahm. Es entstand etwas, das wir heute «Dichtestress» nennen würden. Also wanderten viele Familien und Dorfgemeinschaften in die Alpentäler ein und machten diese urbar. Dabei dürften sie auch in das hügelige und damals in weiten Teilen bewaldete Emmental vorgedrungen sein. Das Schachengebiet mieden sie vorerst, da dieses sumpfig war und immer wieder von der Emme überschwemmt wurde. Aber die Terassen boten ideale Verhältnisse zum Errichten eines Dorfes. Wie es im Gebiet von Rüderswil weiterging, wissen wir: Ruodheri, ein alamannischer Sippenführer, kam mit seiner Gemeinschaft auf die sonnige Terasse bei Rüderswil. Er sah sich eine Weile um, dann nickte er zustimmend mit dem Kopf und nahm den Speer zur Hand…

Wann geschah dies? Gemäss der Rüderswiler Chronik in der Zeit zwischen 850 und 900. Es ist aber gut möglich, dass die alten Rüderswiler schon etwas früher auftauchten! Der Fund von Jonas Glanzmann jedenfalls spricht dafür.

Zum weiterlesen:
Weltwoche: Die Helvetier
Heinz J. Moll: Erdwerke in der Region Bern / Band 2

Das Emmental als Burgenland

«Geschichte hat mich schon immer interessiert», erklärte Jonas Glanzmann bei einem Vortrag in der Rüderswiler Pfrundscheune. Er nahm eine Einladung der Kirchgemeinde an und blickte bei seinem rund 90 Minuten dauernden Referat tief in die Vergangenheit des Emmentals. Begonnen habe sein Interesse für Geschichte schon in der Jugend, als er in Bachläufen Gold wusch. Seine Aufmerksamkeit habe dann aber nicht nur das begehrte Edelmetall geweckt, sondern auch verschiedene alte Gegenstände, die er im Bachbett entdeckte. «Da hat es mich gepackt» gestand der Geschichtsforscher.

Burgstelle entdeckt
Das Dorf Rüderswil ist Jonas Glanzmann in guter Erinnerung, denn vor zwei Jahren entdeckte er im Feld eine bisher unbekannte Burgstelle. Wie aber kam es zu diesem aussergewöhnlichen Fund? Jonas Glanzmann: «Ich habe eine Karte aus dem Jahr 1727 betrachtet. Am linken Emme­ufer, ungefähr gegenüber von Ranflüh, ist mir dann die Bezeichnung ‹Schloss Knubel› aufgefallen.». Der Forscher aus Thun begab sich zu der markierten Stelle und konnte tatsächlich eine Burgstelle aus dem 7. oder 8. Jahrhundert nachweisen. Gemäss Glanzmann fällt die Burg damit in die Zeit der allemannischen Besiedlung und ist ein Indiz dafür, dass Rüderswil älter ist, als bisher angenommen.

1000 Jahre alte Schenkungsurkunde
Fesseln konnte der Thuner Historiker die Zuhörer auch mit seinen Ausführungen zum Weiler Doggelbrunnen. Dieser wird schon im Jahre 1004 in einer Schenkungsurkunde des Lenzolo erwähnt. Bis heute sind beim Doggelbrunnen Schanzanlagen zu erkennen, die Zeuge dafür sind, dass hier einst eine frühmittelalterliche Burg stand. «Eine Burg ist ein befestigter Wohnsitz, der einem Angehörigen des niederen Adels gehörte« erklärte Glanzmann und zeigte auch Bilder, die einen Eindruck davon vermittelten, wie die aus Holz gebauten Wohn- und Wirtschaftsgebäude ausgesehen haben könnten. Zu der Anlage dürfte auch eine Letzi gehört haben, eine Talsperre also, mit der die Passage kontrolliert werden konnte. Zur damaligen Zeit war der Emmenschachen grösstenteils nicht begehbar, da er sumpfig und oft überschwemmt war. Deshalb führten die ersten Wege durch das Emmental über die Terassen und Eggen.

Weiler DoggelbrunnenBlick auf den Doggelbrunnen (Bild: Google Earth)

Von Norden nach Süden
Es ist gerade das alte Wegsystem des Emmentals, dem Jonas Glanzmann grosse Aufmerksamkeit schenkt. Auf einer Karte zeigte er, wie die politischen Machtverhältnisse im frühen Mittelalter waren. Das Emmental befand ich im Einflussbereich der Burgunder im Westen, aber auch der schwäbischen Machthaber. Das Emmental bot sich damals für einen alternativen Nord-Süd Transit an, was gut erkennbar wird, wenn auf einer Karte die Standorte alter Kirchen und Burgen eingezeichnet werden. Glanzmann markierte die Ortschaften mit verschiedenen Farben, so dass deutlich zu erkennen ist, wie alle Standorte sich auf ein Wegsystem ausrichten. «Burgen wurden nicht einfach irgendwo gebaut» erklärte Glanzmann dazu. Sie seien vielmehr dort entstanden, wo die strategische Lage günstig war. Und stets in unmittelbarer Nähe eines wichtigen Verkehrsweges.

Das Emmental habe eine erstaunlich hohe Dichte an Burgen gehabt, resumierte Jonas Glanzmann. Der Forscher bleibt gemäss eigenen Angaben auch weiterhin auf den Spuren der Vergangenheit in der Region. Sicher wird Jonas Glanzmann noch für einige Überraschungen sorgen. Sein neues Buch, «EINE LANDSCHAFT ERZÄHLT GESCHICHTE», wird im kommenden April erscheinen.

Weitere Infos: www.historiarum.ch

Ein Langnauer Töpferei stellt den Betrieb ein

Langnau im Emmental hat eine reiche und vielseitige Töpfereigeschichte. Schon im 17. Jahrhundert wurden im malerischen Dorf an der Ilfis Töpferwaren hergestellt, Langnau ist der wichtigste Töpfereistandort im Kanton Bern, wenn es um Irdenware geht. Die in dunkelgelb oder schwarz gehaltenen Teller, Schüsseln und «Chacheli» erfreuen das Auge mit leuchtenden Blumenornamenten, die in rot, grün und gelb gehalten sind. Manche Stücke sind auch mit Figuren und Sprüchen verziert, zum Beispiel mit diesem hier: «Dornen stächen, Nesel brennen, wär will alle Hurenbuben kennen». Und wer im Emmental zur Visite eingeladen wird, kann möglicherweise die Kleinode auf dem Tisch bewundern, wenn Kaffee mit Merängge und Nidle aufgetischt wird.

Langnauer Keramik - ZuckerdoseEine Zuckerdose aus der Töpferei Herrmann

Grillpartys statt Porzellan
In den den Achtziger Jahren erlebte die Langnauer Keramik in der Region noch einmal eine Blüte, mehrere Töpfereien entstanden, das Töpfer- und Keramikkunsthandwerk war wieder gefragt. Doch dann ging die Nachfrage Jahr um Jahr stetig zurück. Insbesondere bei jungen Menschen fand ein Mentalitätswandel statt. Kostbares Geschirr aus handgemachter Keramik oder aus Porzellan war «out». Im Trend sind heute Grillparties, bei denen zuweilen aus Kartontellern gegessen und aus Plastikbechern getrunken wird. Einfaches, praktisches Geschirr liegt im Trend, zumal dieses geschirrspülerfest ist und problemlos ersetzt werden kann. So erstaunt es kaum, dass eine junge Familie unlängst erklärte, dass das «Grosi-Gschirr» nur noch dann auf den Tisch kommt, wenn sich die Grossmutter zum Besuch angemeldet hat!

Irgendwann kommt wieder eine Blütezeit
Dass per Ende März eine weitere Töpferei in Langnau den Betrieb einstellt, erstaunt bei dieser ungünstigen Entwicklung nicht mehr. Der Besitzer sah diesen Moment schon lange kommen, denn wegen mangelnder Nachfrage sei es immer schwieriger geworden, zu einem realistischen Preis zu produzieren. Der Traditionsunternehmer ist aber zuversichtlich, dass irgendwann wieder eine Zeit kommen wird, wo hochwertiges und handgefertigtes Geschirr gefragt sein wird.

Rüderswiler Winternacht

Rüderswiler Winternacht

Die Aufnahme entstand am 17. Dezember auf einer Anhöhe über dem Ausserdorf. Um ca. 17.15 Uhr, noch bevor die Dämmerung in Nacht überging und die Lichter im Dorf deutlich erkennbar wurden. Der Blaustich ist gewollt. Verwendete Kamera: Sony DSC RX100 M3. Einstellungen: Blende: f/2.8, Verschluss: 1/8, Brennweite: 18.89mm, ISO 800.

Es schöns Erläbnis

E länge Arbeitstag isch z’Änd gange. I ha mi uf e Heiwäg gmacht u wiu’s grad e schöne u sunnige Herbschttag isch gsi, han i e Umwäg übere Ramisbärg gmacht. Dert, am Waldrand gseht me wyt i ds Land, übere Schache, über d Dörfer und zringsetum d Egge, wo der blau Himmel berüehre. U d Sunne het i däm Momänt die letschte, guldige Strahle über ds Ämmital gschickt, ds Wasser vor Ämme het glitzeret u der Himmel het sich rot gfärbt.

Drum han i a däm schöne Ort e Pouse gmacht, ha ds Alphorn zämegsetzt und es paar Tön i d Wyti gschickt. Denn es paar Stück us em Alphornbüechli u denn no öppis, wo mir grad i Sinn isch cho.

U denn, won i scho a ds Heigah däicht hat, isch vom Buurehof unger der Strass e Chinderstimm z’ghöre gsy: «Blib no chly!». Gseh han i niemmer, aber i ha i d Richtig vom Hof gwunke u denn no eis gspilt.

Das isch es schön Erläbnis gsy. E Sunneuntergang im Herbscht dörfe z’erläbe, z’erläbe wie dä Tag langsam aber doch sicher z’Änd geit, wie’s wott vernachte. Und öpper, wo a däm spontane Alphornkonzärt Fröid het gha!

Holzkugel statt «Fidget Spinner»

Sie sind zurzeit in aller Hände, die Fidget Spinner. Die kleinen Handkreisel also, die zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten werden, während die Flügel durch ein leichtes Antippen mit der anderen Hand zu rotieren beginnen. Das ganze soll entspannend wirken. Ich hatte vor kurzem die Gelegenheit, einen Fidget Spinner auszuprobieren. Aber ehrlich gesagt, entspannend wirkte er nicht auf mich! Das leise Sirren des Kugelllagers empfand ich eher als nervöses Geräusch. Hinzu kommt, dass der Fidget Spinner ein Spielzeug aus Plastik ist. Und während eines langen Tages halten wir genügend Dinge aus Plastik in der Hand: Tastatur, Smartphone, Kugelschreiber und Telefon zum Beispiel.

Und nun kommt meine Empfehlung für ein echtes «Gadget» zum Entspannen nach Emmentaler Art: Eine gedrechselte Holzkugel. Es gibt zahlreiche Drechslermeister und Kunsthandwerker, die Holzkugeln in den verschiedensten Grössen und Holzarten anbieten. Natürlich wirken die Kugeln sehr dekorativ. Und wenn man sie ein paar Minuten in der Hand hält und das samtene Holz fühlt, dann hat dies eine entspannende Wirkung. Auch deshalb, weil Holz ein reines Naturprodukt und in uns immer eine gute Stimmung anklingen lässt. Nicht umsonst heisst es ja «Holz macht heimelig». An einem heissen Sommertag fühlt sich ein Stück Holz kühl an, in der Winterkälte vermittelt es ein Gefühl der Wärme.

Holzkugeln

Holzkugeln gibt es unter anderem hier: Holzkreationen von Roland Schenk aus Eggiwil und Bernhard Wampfler, Drechslermeister aus Wasen, er hat die abgebildeten Kugeln gedreht.

An der Schwelle zweier Epochen

Alte elektrische Schreibmaschine

Vor kurzem fand im Nachbardorf wieder der alljährliche Trödlermarkt statt. Und ja, ich war auch dabei! Nicht, weil ich etwas ganz bestimmtes kaufen wollte sondern mehr, weil es einfach Spass macht, an den Ständen vorbeizuschlendern und beim Betrachten all der vielen alten Sachen mit den Gedanken in die Vergangenheit zu schweifen. Das Angebot war auch dieses Jahr vielfältig und bunt: Alte Bücher, «Grossmuttergeschirr» mit Goldrand, Zinnzuber, Schulphotos aus den 1920er Jahren, schönes Leinentuch, Spielsachen von anno dazumal und tausend Dinge mehr. Kurz: es fehlte an nichts.

Zwischen zwei Ständen, da stand auf einem Holzstuhl eine alte elektrische Schreibmaschine, so wie sie ab den 70er Jahren in Büros üblich war. Ob die wohl noch funktioniert? Und ob sie im Zeitalter des Notebook und Tablet noch einen Käufer findet? Jedenfalls stand sie zwei Stunden vor Marktende immer noch da. Genau so wie die schönen analogen Kameras und der VHS Recorder aus den 80er Jahren. Sie alle sind Zeugen aus einer Zeit, in der analoge Technologie noch das Non plus ultra war, am Vorabend der Digitalisierung.

Wir Leben in einer Epoche, in der Analogtechnik Schritt für Schritt und mit endgültiger Konsequenz abgelöst wird. Die Kinder der Digitalisierung heissen Internet, Smartphone, E-Book und GPS Navigation. Und was wir hier erleben ist erst der frühe Beginn, so wie der Druck der ersten Schriften nach der Erfindung der Druckerpresse im 15. Jahrhundert. Die nächsten Technologien, die unser Leben so wie der Personal Computer oder das Internet verändern werden, sind am Horizont bereits zu erkennen: Autonom fahrende Autos, Lieferdrohnen, die einen bestellten Artikel in Stundenfrist liefern, virtuelle Realität und – irgendwann in naher Zukunft – freundliche Roboter für den Hausgebrauch.

Wir haben schon einiges davon selbst miterlebt. Etwa, als wir voller Spannung die erste CD in den soeben erworbenen CD Player einlegten. Und dann über die Tonqualität staunten! Kein Rauschen, kein Knistern, nichts – nur die reine Musik! Und dann das erste Mal den Homecomputer einschalteten und von einem freundlich blinkenden Cursor auf dem Bildschirm begrüsst wurden. «Nun mach mal was» war seine Botschaft, währenddem wir etwas ratlos im Handbuch blätterten… Und er schien noch etwas sagen zu wollen: Folge mir in die Zukunft!