Schreiben in der Wolke (Teil 1)

Wer heute einen Text erstellen will, kann dies schnell und unkompliziert im Webbrowser tun. Der grosse Vorteil dabei ist, dass Dokumente mit anderen Autoren geteilt werden können. Dieser mehrteilige Artikel gibt einen Einblick in die webbasierte Textverarbeitung von Google: Google Docs.

Teil 1: Einleitung und Rückblick
Teil 2: Konto erstellen und erste Schritte mit Google Docs
Teil 3: Sicherheit und Backup
Teil 4: Häufig gemachte Fehler
Teil 5: Grundlegende Funktionen
Teil 6: Versionsverwaltung

Bevor ich auf das Thema zu sprechen komme, möchte ich einen kurzen geschichtlichen Abriss der digitalen Textverarbeitung vorlegen. Ich muss hinzufügen: Einen aus persönlicher Sicht!

In den siebziger Jahren war noch von der computergestützten Textverarbeitung die Rede; und manch einer sprach dazumal vom «Textautomaten». Wirklich interessant für die breite Masse wurde das Schreiben am Computer jedoch erst ganz am Ende der siebziger Jahre und dann natürlich in den bunten «80ern», als Homecomputer und Software für jedermann erschwinglich wurden. Einer der Pioniere auf dem Gebiet war MicroPro. Das US-Unternehmen präsentierte 1978 WordStar, eine Textverarbeitung, die so erfolgreich werden sollte, dass sie bis heute, 40 Jahre später, Spuren hinterlassen hat! Aber eigentlich ist das sonderbar, denn WordStar kostete gemäss dem englischen Wikipedia satte 495 Dollar, für das Handbuch mussten noch einmal 40$ hingeblättert werden! Und – gelinde gesagt – ausgesprochen benutzerfreundlich war WordStar mit seinen kryptischen Tastaturkommandos definitiv nicht! Aber das spielte alles keine Rolle, das Programm wurde so populär, dass es in manchen Büros auch heute noch benutzt wird! Angeboten werden WordStar-Tastenkombinationen für Editoren wie Joe’s own Editor oder Emacs. Und dann gibt es noch WordTsar, einen Klon für Linux und Windows! Wie beim berühmten Vorbild ist der Bildschirm zweigeteilt, im oberen Bereich wird eine Hilfe für die aktuell gültigen Tastenkombinationen angezeigt und darunter wird der Text erfasst. Aprops, das Menu lässt sich ausblenden, wer es eingeschaltet liess, galt in manchen Kreisen als Warmduscher! Wer ein Profi sein wollte, musste alle (!) Shortcuts auswendig kennen.

WordTsarSieht aus wie das Vorbild: WordTsar mit dem File/Block Menu

An der Schwelle zu den 80er Jahren tauchte dann der von Apple belächelte IBM PC auf. Er war bereit um einen beispiellosen Siegeszug anzutreten und Apple die Spässe auszutreiben! Mit dem PC kamen die grossen, bürotauglichen Textverarbeitungen: WordPrefect, Word, DisplayWrite und wie sie alle hiessen. Sie wurde als Einzelprogramme verkauft oder – schon damals – mit weiteren «Office Paketen» angeboten. Microsoft beispielsweise schob Multiplan nach, eine umfangreiche Tabellenkalkulation. Das grosse Angebot an Software war ein Grund für den Erfolg des PC’s, der bis heute fortlebt. Ferner der modulare Aufbau, jeder konnte den Computer selber erweitern. Und, was nicht vergessen werden darf, der PC kam genau im richtigen Moment, weil er im Gegensatz zum Homecomputer ein professionelles Umfeld bot und trotzdem günstig war.

BASIC Programm für den C64 (Ausschnitt)

Für uns, die Besitzer eines Homecomputers, waren Programme wie WordStar indes kein Thema, weil weit ausserhalb der Reichweite! Sie waren teuer und wer wollte damals schon einen PC? Spielen und programmieren konnte man mit dem C64 oder dem Sinclair ZX Spectrum deutlich besser – und günstiger! Und wenn dann doch einmal eine Textverarbeitung für eine Schularbeit her musste, dann programmierten wir sie gleich selber! Mein erster Textprogramm bestand aus einigen hundert Zeilen BASIC und 6502-Assemblercode; viel konnte es nicht, aber immerhin: Einfaches editieren, speichern und drucken klappte einigermassen. Und ich war damit voll und ganz zufrieden. Warum Assembler? Weil auf einem 8-Bit Homecomputer mit 0.97Mhz Taktfrequenz ein BASIC Programm einfach zu langsam ist! Also wurden die zeitkritischen Funktionen in Assembler-Routinen gepackt und dann von einem BASIC-Programm mit dem SYS Statement aufgerufen.

Zu dieser Zeit kam auch VizaWrite 64 auf den Markt und verwandelte den Commodore 64 in eine schon fast professionelle Textmaschine. Plötzlich waren Blocksatz, Wortumbruch, Serienbrief und Kettendokument keine Fremdwörter mehr! Natürlich war auch VizaWrite zu Beginn für unser Budget massiv zu teuer, aber man wusste sich halt irgendwie zu helfen und konnte nach einem Besuch bei Gleichgesinnten sagen: «VizaWrite? Habe ich!» Was war so toll an dieser für heutige Verhältnisse minimalistischen Textverarbeitung? Vor allem, dass sie sehr schnell und ressourcenarm arbeitete. VizaWrite war komplett in Assembler programmiert und erlaubte das Erstellen mehrseitiger Dokumente! Der Editor war leicht zu bedienen und bot Blockoperationen. Nicht möglich war weiterhin das Einbinden von Bildern, das sollte ein paar Jahre später mit Printfox und mit geoWrite 64 möglich werden. Zur Erinnerung: Ein Commodore 64 war mit 64 Kilobyte (nicht Mega- oder Gigabyte) ausgerüstet, allderdings stand nicht der ganze Speicherbereich für eigene Programme zur Verfügung.

So vergingen die Jahre; noch immer stand im Keller ein C64, der nun doch langsam aber sicher zu altern begann. Auf dem PC lief mittlerweile Windows und da gehörte ab Windows 95 mit Wordpad eine nette kleine Textverarbeitung zum Lieferumfang. Den Markt der Textverarbeitung hat Microsoft ab den 90er Jahren fast nach belieben dominiert. Eigentlich traf man schon ab ca. 1993 keinen PC mehr an, auf dem nicht Word oder MS Office installiert war – ich fand das ausgesprochen langweilig! Womit aber schrieb der «kleine Mann», der einfach nur seine Privatkorrespondenz zügig erledigen wollte? Zum Beispiel mit Star Office, das für etwa 50-70 Franken zu haben war! Falls Ihnen dieser Name bekannt vorkommt, ist dies kein Wunder. Denn aus Star Office wurde später das freie OpenOffice.org Projekt. Und jetzt stand ein vollständiges Paket mit Text, Tabelle, Präsentation und Zeichnung für jedermann kostenlos zur Verfügung. Dies alles geschah im Jahr 2002. Und eigentlich bin ich damit bereits in der Gegenwart angekommen.

Von WordStar bis OpenOffice ist es ein weiter weg. Dennoch haben all diese Programme eines gemeinsam: Sie müssen, wenn sie kostenpflichtig sind, zuerst erworben werden. Es folgt ein Installationsprozess auf dem PC, erst dann kann die Software genutzt werden. Und alle Versionen sind dateizentriert: jedes Dokument, jede Tabelle und jede Vorlage wird als Datei gespeichert. Um ein Chaos zu vermeiden, werden Verzeichnisse angelegt, in denen die Dokumente nach Themen geordnet abgelegt werden. Für die Sicherung dieser Daten ist der Anwender selber verantwortlich.

Im zweiten Teil dieser Serie werde ich eine Textverarbeitung vorstellen, die ein anderes Paradigma verwendet, da sie im Webbrowser ausgeführt wird, das spart die Installation und das oft mühsame «upgraden». Texte werden in der Cloud gespeichert, so dass im Mittelpunkt nicht mehr die Datei steht, sondern der lesende und schreibende Zugriff, der mit anderen Anwendern geteilt werden kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.