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Die Zeit und das Glück

Sunday, January 24th, 2010

In meinem Blog gab es schon einmal einen Beitrag mit diesem Titel. Mir gefällt diese Überschrift, denn je mehr ich über diese beiden Begriffe nachdenke, desto klarer wird der feste Zusammenhang, der die beiden miteinander verbindet. Da ist zum ersten die Zeit. Von ihr ist uns für unser eigenes Leben nur ein beschränktes Mass gegeben. Wir wissen nicht einmal, wieviel es sein wird. Gerade deshalb ist die Zeit ein so wertvolles Gut; wir sollen bewusst damit umgehen und danach streben, sie mit Sinn und Gehalt zu erfüllen. Ein sinn-erfülltes Leben – gibt es jemanden auf dieser Erde, der sich das nicht wünscht? Oder: für unser Lebensglück ist es wichtig, darauf zu achten wie wir unsere Zeit nutzen, was wir aus jedem neuen Tag machen. Daran ist durchaus nichts neues, das Nachdenken über die Zeit ist so alt wie die Menschheit selbst. Von Arthur Schopenhauer, dem grossen deutschen Denker des 19. Jahrhunderts stammen einige der schönsten Gedanken zu diesem Thema. Schopenhauer mahnte unter anderem daran, besonders die ersten Stunden eines neuen Tages zu nutzen. Denn der frische Morgen gleiche der Jugend unseres Lebens. Es sei daher wichtig, ihn nicht zu verschlafen. Und Seneca, den seine Gemütsruhe nicht immer von der pulsierenden Hektik der römischen Metropole schützen konnte, stellte fest: wir haben nicht zu wenig Zeit, wir vergeuden zuviel!

Und da ist das Glück. Wer möchte nicht glücklich sein? Möchte nicht, dass sein Lebensweg ihn aufwärts führt, zum Parnass der Glückseligkeit. Wer hin und wieder eine Wanderung in der Schweiz unternimmt, kennt die Wegweiser, die in schöner Regelmässigkeit bei Kreuzungen, Verzweigungen und Pässen anzutreffen sind. In der Schweiz sind diese gelben, mit Ort, Distanz und Wegzeit beschrifteten Wanderwegweiser zum Sinnbild für Richtung und Ziel geworden. Welchen Weg wollen wir gehen? Oder, genauer bestimmt für unser Thema: welcher Weg führt uns zum Glück des menschlichen Daseins? Damit sind wir bei der Frage aller Fragen angelangt. Bei der Frage, die den tiefsten Grund unserer Existenz berührt und deshalb zu allen Zeiten im Mittelpunkt menschlichen Denkens stand. Welchen Weg müssen wir einschlagen? Wenn wir diese Frage stellen, begeben wir uns damit – ob wir nun wollen oder nicht – an eine Wegkreuzung. Denn, was die Glückseligkeit ausmacht und wie sie zu finden sei, darüber gehen die Meinungen auseinander. Dies hat schon Aristoteles in der Einleitung seiner nikomachischen Ethik festgestellt: “was aber die Glückseligkeit sei, darüber streiten sie und die Leute sind nicht derselben Meinung wie die Weisen.”

Und da wir gerade bei Aristoteles angelangt sind: was würde er wohl auf einen der Wegweiser geschrieben haben als sicheres Rezept für ein glückseliges Leben? In seinem grossen, oben erwähnten Werk finden wir die Antwort: der Weise aus Stagira entdeckte, dass jedes Lebewesen nach der ihm eigentümlichen Vervollkommnung strebt. die Pflanze bespielsweise will wachsen, gedeihen und blühen. Hier findet sie ihre Vollendung, ihr Glück als Pflanze. Fuchs, Pferd und Rabe streben danach, die ihnen von der Natur gegebenen Leistungen zur Vollendung zu bringen: dort die Entwicklung des schlauen, gerissenen Jägers. Und der Stärke und Laufkraft und Schnelligkeit. Hier der geschickte Flieger und sichere Nestbauer. Wenn dieses Streben nach Vollendung und Entfaltung auf den Menschen übertragen werden soll, muss die Frage beantwortet werden: welches ist die eigentümliche Leistung des Menschen? Was ist es, das sein Mensch-Sein ausmacht? Aristoteles antwortet: es ist die Denkkraft, die vernunftgemässe Tätigkeit der Seele. Es ist das Streben danach, sich als denkender und vernünftig handelnder Menschen zu entwickeln und entfalten. Zugegeben, das mag etwas abstrakt klingen. Aber, wenn das Gesagte vor dem Hintergrund der begrenzten Zeit betrachtet wird, nimmt es Gestalt an: Der Weg zur Glückseligkeit ist gesäumt von den guten, menschlichen (mensch-gemässen) Taten und Werken. Der Weg ist gepflastert mit unserem Streben, alle unsere Fähigkeiten, Talente, unsere Kreativität und Phantasie nicht verkümmern zu lassen sondern sie unter guter Nutzung der Zeit wachsen und gedeihen zu lassen.

Wie könnte das anhand eines Beispieles aussehen: dazu können wir sogar in der Zeit des Aritoteles bleiben. Von den sieben Weisen der griechischen Antike gibt es eine reizvolle Anekdote: derzufolge sollen sich die sagenumwobenen Denker einmal in Delphi, beim berühmten Orakel des Apollo getroffen haben. Der Priester des Tempels hiess die berühmten Denker willkommen und bat jeden von Ihnen, an der Tempelwand eine Maxime zu hinterlassen. So soll Chilon von Sparte als ersts über der Pforte des Heiligtums die berühmten Worte eingemeisselt haben: “Erkenne dich selbst.”. Wer die ganze Geschichte lesen möchte, der findet sie in der Geschichte der griechischen Philosophie von Luciano de Crescenzo. Pittakos soll folgende geschrieben haben: “Erkenne den rechten Zeitpunkt.” Das kann nicht nur als Hinweis darauf verstanden werden, zu erkennen, wann für ein Vorhaben der rechte Moment gekommen ist, so wie es auch der Prediger Salomo empfiehlt. Gewiss ist es auch eine Anempfehlung an den bewussten Gebrauch der Zeit. Daran, die Zeit als ein wertvolles Gut zu betrachten, das nicht verschwendet werden darf. Wie nutzen wir dieses Gut aber sinnvoll? Auch Thales war in Delphi dabei. Und das, was er schrieb, birgt die Antwort auf diese Frage: “Gedenke der Freunde.” Gute Freundschaften gehören zum Wertvollsten im Leben. Auch deshalb, weil wir in der Freundschaft durch gegenseitiges Nehmen und Geben wachsen, und selbst als wertvolles Glied einer Gemeinschaft entfalten können.

Meine Betrachtung wäre nicht vollständig, wenn sie nicht auch eine Hinwendung auf Gott enthalten würde. Unser aller Leben liegt letztendlich in seiner Hand. Und wenn wir in unserem Leben an einer wichtigen Wegscheide angekommen sind und entscheiden müssen, wie es weiter gehen soll, dann lädt er uns ein, ihn zu fragen. Gott ist bei uns. Und wenn wir ihn mit reinem Herzen um eine Antwort bitten, dann dürfen wir auf eine Antwort hoffen. Dies hat er versprochen. Worin aber besteht der Weg, das Glück durch Gott zu finden? Diese Frage stellten schon die Pharisäer, die am Ufer des Jordan standen und hörten, wie der Täufer Johannes sie zur Umkehr aufrief: “was sollen wir tun?” Die Antwort, die der Täufer gab, wurde kurz darauf von Jesus Christus in all seiner Grösse und Kraft verdeutlicht: um Gott kennenzulernen und damit das grösste Lebensglück zu finden, braucht es keine Tempel und Kathedralen, keine aufwendige Religion mit Ritualen und Zeremonien, keine Traditionen und Priesterhierarchien. Was es aber braucht, ist eine vetrauensvolle Rückkehr zu Jesus Christus, durch den sich Gott als ein liebender, gütiger Vater erweist. “Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht umherirren, sondern das Licht des Lebens haben.” Das sagt Jesus Christus. Er ist gekommen, um uns auf dem Weg zum Glück ein Licht hochzuhalten, damit wir auf dem sicheren Weg bleiben.

Wie aber steht es mit der Zeit? Hat Gott für unsere Sorgen und Fragen Zeit? Bei Jesus ist diese Frage leicht zu beantworten. Als er auf dem Weg nach Jerusalem war und viele Menschen ihn umringten und seine Ankunft in der heiligen Stadt drängend erwarteten, hörte er plötzlich einen Blinden, der ihn um Heilung anflehte. Und Jesus blieb stehen. Alles andere konnte warten, nur dieser arme Blinde am Wegrand war jetzt wichtig. Jesus hatte Zeit für ihn und schenkte ihm das Augenlicht.

Damit stellte Jesus uns wieder das Bild des guten Vaters und der guten Mutter vor Augen, zu dem eines seiner Kinder mit einer Bitte kommt. Der Vater wird das Kind liebvoll aufnehmen und ihm seine ganze Aufmerksamkeit schenken: er hat Zeit.

Kohelet – der Prediger

Friday, May 29th, 2009

Das Buch Kohelet, das in unserer Bibel zwischen den salomonischen Sprüchen und dem Hohelied eingeordnet wurde, ist in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswertes Buch. Es dürfte im dritten Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben worden sein. Der Verfasser ist nicht bekannt, möglicherweise war es ein Prediger oder Versammlungsleiter, so wie es der Titel des Buches andeutet: Kohelet heisst verdeutscht Versammler, Prediger. In der Einleitung dieser aussergewöhnlichen Schrift bezeichnet sich der Autor selbst als König und Sohn Davids. Im weiteren Verlauf nennt er sich aber auch Prediger und Philosoph. Wenn auch die Identität des Verfassers im Dunkeln bleibt, so eines doch gewiss: wenn wir Kohelet lesen, begegnen wir einem sehr feinsinnigen und hochgebildeten Weisen, der während vielen Jahren über das Leben nachgedacht hat, um nun in konzentrierter Form über seine tiefgründigen Erfahrungen und Erkenntnisse zu berichten.

Wenn wir versuchen, uns auf die Spuren des Predigers zu begeben, lliegt eine Zeitreise vor uns, die nach Judäa der hellenischen Zeit führt – irgendwo zwischen 300 und 200 vor Christus, in einer judäischen Stadt. Zu dieser Zeit war es üblich, dass sich ältere, lebenserfahrene Männer an den Toren der Stadt aufhielten, um Kontakte zu pflegen und den Vorübergehenden mit Rat und Tat beizustehen. So kamen sie in Berührung mit den unterschiedlichsten Anliegen der Menschen ihrer Zeit, sie kannten deren Sorgen und Nöte, halfen ihnen mit Rat und Tat und bereicherten dadurch ihren eigenen Erfahrungsschatz. Auch Kohelet könnte so ein Lehrer und Ratgeber gewesen sein. Wer seine Schrift liest, lernt ihn als Denker kennen, der seine Umwelt genau beobachtet und dann scharfsinnig und klug seine Schlüsse daraus zieht: «Ich habe darüber nachgedacht und erkannt…» ist eine Wendung, mit welcher mehrere Absätze der Schrift eingeleitet werden.


Auch hier wurde gepredigt: der Jordan Fluss (Quelle: Wikipedia)

Was hat der Prediger erkannt? Auf den ersten Blick wirken die Erkenntnisse ernüchternd: all unser Streben und Mühen ist letzten Endes sinnlos, löst sich auf in Nichts, ist wie ein Windhauch. Insgesamt 38 Mal ist dieser Begriff im Kohelet zu finden: «Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch» (1, 2). Vieles von dem, was uns gross und wichtig erscheint, erkennt der Prediger als nichtig, sei es Ruhm und Ehre, sei es Erwerb und Arbeit, sei es Besitz und Reichtum; ja selbst die Bildung wird verworfen. Denn was hat der Weise dem Unwissenden voraus? Beide werden dasselbe Ende haben! Das klingt sehr pessimistisch. Und das wäre es in der Tat, wenn uns Kohelet nicht etwas mitgäbe, das uns über diesen Pessimismus trägt. «Esst, trinkt und geniesst das Leben, solange ihr jung und bei Kräften seid.» So lautet der Rat des Predigers – grob formuliert. Doch ist dieser Rat nicht zu oberflächlich geraten? Nein, denn unser Leben geniessen können wir nur mit Gottes Segen. Freude, Zufriedenheit und Glück sind Geschenke Gottes. Dies ist eine Kernaussage des Predigers und damit sind wir gehalten, uns Gott anzuvertrauen, ihn zu lieben und seine Gebote zu achten:

«Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all Deiner Kraft.» (Dt. 6.4)

Einige der Maximen des Predigers sind im Folgenden zusammengefasst:

  • Alles hat seine Zeit (3).

  • Zwei sind auf jeden Fall besser dran als einer allein (4,9)
  • Lerne zuzuhören und Gott zu gehorchen, das ist besser als die Tieropfer (4,5)
  • Je mehr Worte Du machst, desto mehr Unsinn redest Du (5,2)
  • Ruhig Blut bringt weiter als ein heisser Kopf (7,8)
  • Wissen und Erfahrung helfen einem Menschen mehr als, als zehn Herrscher einer Stadt ihm helfen können (7,19)
  • Darum iss Dein Brot und trinke Deinen Wein und sei fröhlich dabei. So hat es Gott für die Menschen vorgesehen, und so gefällt es ihm. Nimm das Leben als ein Fest: Trag immer frisch gewaschene Kleider und sprenge duftendes Öl auf Dein Haar. Geniesse jeden Tag mit der Frau, die Du liebst (9,7)

Kohelet

Erste Seite des Kohelet im Codex Sinaiticus

Bei alldem ist das Buch Kohelet keine systematische Weisheitslehre. Unser Prediger will nicht durch einen philosophisch ausgereiften Vortrag überzeugen, oder mit rhetorischem Können glänzen. Die Schrift ist eine lose Sammlung aus Aphorismen, Betrachtungen und autobiographischen Aussagen. Der Prediger vermittelt uns kein Schulwissen für den Hörsaal. Er will uns Weisheiten mit auf den Weg geben, die während den Jahren eines langen Lebens gewachsen und gereift sind. Und so ist es wichtig, dass wir dieses Wissen nicht in ein Schulbuch schreiben, um es dann zu vergessen oder bei Gelegenheit wieder hervorzuholen. Wir sollen es auf unseren Lebensweg mitnehmen, sollen uns jeden Tag darin üben, diese Weisheit selbst zu sein.

Ein wichtiger historischer Aspekt soll zum Schluss erwähnt werden. Wer das Ende des Buches sorgfältig liest, wird feststellen, dass es zwei Epiloge hat. Im ersten Epilog wird noch einmal auf die Bedeutung der Weisheiten eingegangen: der Verfasser bezeugt, dass er selbst viele bekannte Sprüche auf ihre Wahrheit prüfte und selbst neue niederschrieb. Dann empfiehlt er sie dem Leser mit dem Hinweis, das Studieren nicht zu weit zu treiben. Daran schliesst sich ein zweites Schlusswort an, das möglicherweise später dazu kam, als das Buch im ersten Jahrhundert in den Kanon aufgenommen wurde. Gott fürchten und seine Gebote halten, dies ist die Summe aller Lehren.